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Bärenspuren

Von Anne Wiebelitz

Dort, im Schlamm, sehe ich sie wieder. Den Abdruck einer Tatze, so groß wie mein wuchtiger Wanderschuh. Kräftig drücken sich die Krallen einige Zentimeter vor dem Fuß ab. Wie alt wird sie sein? Einen Tag? Ein paar Stunden?

Seit einigen Jahren bin ich in Rumäniens Bergen unterwegs und treffe auf vielen Wanderungen auf diese Spuren. Mal älter, mal frischer. Ein Freund aus Cluj sagte mir einmal, nachdem ich nach wenigen Minuten unterwegs mit ihm im Wald auf eine Bärenspur traf, dass ich ja nach denen suchen würde. Schließlich hätte er noch nie zuvor eine gesehen. Ich schreibe diesen Artikel für alle Lesende, die selbst gern in den Bergen Rumäniens unterwegs sind, und auf die eine oder andere Weise mit Bären oder der Unruhe, dass sie „irgendwo da draußen“ sind, konfrontiert waren.

An meine erste erinnere ich mich noch besonders gut. 2009, im Rodna-Gebirge auf dem Weg zum Gipfel des Pietrosul Mare, kreuzte sie mitten über unseren Wanderweg. Was tun? Würde er – oder sie - uns folgen, wenn wir weitergehen? Oder würden wir ihn sogar überraschen? Wir waren zu zweit und völlig ahnungslos. Woher sollten wir auch wissen, wie wir uns mit Bären verhalten sollten? Wir entschieden uns für Umkehr und einen anderen Weg. Unsere Gastgeberin lachte uns am Abend aus: Seit 17 Jahren arbeite ihr Bruder auf der Wetterstation des Pietrosul Mare. In all diesen Jahren sei ihm noch nie ein Bär begegnet. Völliger Quatsch also, das wir umgedreht waren.

Einige Monate später, in den Westkarpaten, übersah ich die Spuren an einem warmen Dezembertag. Zu tief in ein Gespräch verwickelt, wurden sie uns erst da auffällig, als uns der Bär aus einem Gebüsch heraus anbrummte. Auf das Schneefeld auf unserer Linken hin ausweichend – mit klopfendem Herzen, das rief: renn! So schnell du kannst! - sahen wir die frischen Spuren, die sich durch den Schnee zogen. Offenbar hatte den Bären das seit einigen Tagen andauernde warme Wetter aus seiner Höhle gelockt. Wir rannten nicht, ein Glück, denn das kann bei Bären den Jagdtrieb auslösen, und der Bär folgte uns ebenfalls nicht. Der Schock saß uns dennoch in den Knochen und noch Tage später verursachte mir das Geräusch eines Stuhls, den man beim Aufstehen über einen gefliesten Fußboden schiebt, einen ähnlichen Schreck: es war zum Verwechseln ähnlich mit dem aus dem Gebüsch.

Seitdem beschäftige ich mich mit Bären. Und mit Angst.


Bären_Spur Slowakei 2016

In den Sommern 2015 und 2016, ich leitete ein Camp für junge Mitglieder des WWF, kam ich einigen Bären besonders nahe. Wir waren in einem abgelegenen Tal am Fuße des Fogarasch-Gebirges. Gemeinsam mit einem Jäger verbrachten wir einige Abendstunden auf einem Hochsitz, von dem aus früher Ceausescu jagte. Heute kommen Touristen, Naturschützer und Forscher hierher. Sie beobachten aus wenigen Meter Entfernung die Bären, die allabendlich auf der Lichtung nach versteckten Keksen, Mais, Früchten und manchmal Schweinekadavern suchen. Man kann das ganze kritisch sehen, die Jäger aber betonen, dass sie nicht zuviel füttern, so dass keiner der Bären abhängig von der Nahrung ist, die sie hier finden. Und man kann hier als Mensch diesen wilden, freien Tieren in sicherem Abstand begegnen und ihr Verhalten untereinander aus nächster Nähe beobachten. Ich habe Gänsehaut und selbst die wildesten Jungs sind plötzlich ganz still und ehrfürchtig.

Dort, im Angesicht des Bären, dessen imaginärer Schatten mich auf meinen Wanderungen durch die Karpaten jahrelang verfolgte, verwandelt sich plötzlich meine Angst: in Ehrfurcht und in Freude über diese Wesen. Plötzlich wird mir bewusst, wie unterschiedliche Persönlichkeiten diese Tiere haben und das es einen großen Unterschied macht, ob mir draußen ein unerfahrener, junger Bär über den Weg läuft, oder eine Bärin mit ihren Jungen. Und ich kann in echt beobachten, was ich vorher nur aus Büchern wusste: wie unheimlich intelligent sie sind. Wir beobachten vom Hochsitz aus einen Scheinangriff einer Bärin auf einen anderen Bären, ihr Junges flieht in Sekundenschnelle auf den nächsten Baum und maunzt. Das hier ist so ziemlich die gefährlichste Situation im Wald, in die man als Wanderer geraten kann – die Mutter wird versuchen, so schnell wie möglich zu ihrem Jungen zurückzukommen und alles in seiner Nähe als Gefahr vermuten. Nach kurzer Zeit kommt die Mutter zurück galoppiert, sobald sie am Baum des Jungen angelangt ist, krabbelt dieses wieder nach unten.

Jörn sagte mir einmal, dass die Angst vor dem Bären im Wald ein Geschenk ist: ein Geschenk der Aufmerksamkeit. Und in der Tat, in Rumänien habe ich eine viel höhere Wachsamkeit und Aufmerksamkeit als in einem Wald, in dem ich keine Bären vermute. Wie viele Schwarzspechte habe ich dank dieser Angst gehört, wieviele Füchse gesehen? Wieviele Fuß-, Fraß- und Kotspuren gefunden? Wieviele Stunden an einem Baum sitzend und aufmerksam lauschend mir Fragen über den Bären gestellt, wieviele Bücher über Bären gelesen...

In diesem Jahr wurde mir bewusst, wie wunderschön es ist, dass es Bären in Rumänien gibt. Rumänien hat die größte Bärenpopulation in Europa (ohne Russland), die vor allem in den Karpaten leben. Den Wald mit Bären zu teilen, macht mir meine eigene Winzigkeit in der Welt bewusst. Ich glaube, der Bär fehlt in einer westlichen Zivilisation, die sich seit Jahrhunderten zur Aufgabe gemacht hat, die Natur zu beherrschen und jede Verbindung zwischen ihr und uns Menschen zu kappen. Er ist gewissermaßen unser Gegenstück, eine Erinnerung an unsere eigene Endlichkeit und an unsere Verbindung zur Natur. Das Ende vom 2006 in Bayern getöteten Braunbären Bruno passt in diese Logik. Wir haben das Wilde in uns erfolgreich vergessen und verdrängt. Vielleicht finden wir Bären süß, oder exotisch, oder aufregend – aber sie sollen bitte nicht da sein, wo wir uns ebenfalls aufhalten.

Das Nebeneinander mit dem Bären, das die Menschen in Rumänien leben – natürlich nicht alle, immer noch gibt es illegale Tötungen – könnte uns als Vorbild einer Haltung zu diesen Tieren dienen. Das heisst nicht, das wir Bären unterschätzen oder gegenübertreten sollten, als hätten wir ein süßen Teddybären vor uns. Wenn dir ein Bär in den Bergen begegnet – und keiner der Müllbären ist, die vor ein paar Jahren Schlagzeilen rund um Brasov machten – dann verhalte dich ruhig und zieh dich vorsichtig zurück. Mein Gedanke dazu ist: Der Bär kann deine Intention spüren. Aggressiv aufzutreten könnte auch in ihm eher Aggression hervorrufen, als eine innerliche Haltung von „Ich tue dir nichts und es tut mir leid, das ich in dein Territorium eingedrungen bin.“ Genügend Aufmerksamkeit und Vorsicht sind allerdings unersetzlich: Wenn du z.B. draußen zeltest, nimm dein Essen aus dem Zelt, mindestens 100 Meter weg, und auch alles andere, was riecht. Ja, auch die Zahnpasta, dein Deo mit Rosenduft und die Hände-Desinfektionstücher. Damit schützt du nicht nur dich selbst vor unliebsamen nächtlichem Besuch, sondern auch den Braunbären selbst. Der greift dich nämlich im Normalfall nur an, wenn er sich selbst oder seine Jungen in Gefahr sieht. Und jeder Angriff ist auch für ihn ein Risiko, dabei zu sterben.

Beim Betrachten von Bärenspuren fiel mir immer wieder auf, wie ähnlich die Hinterpfoten dem Fußabdruck eines Menschen sehen. Keinem anderen Tier sieht er ähnlicher als unserem. Kein Wunder, denn der Bär ist ein Sohlengänger, so wie wir. Vielleicht auch deshalb wurde er jahrtausendelang von unseren Vorfahren verehrt: zum Beispiel finden sich in Höhlen in den Schweizer Alpen und dem französischen Jura Knochen von Bären, die offenbar in Ritualen von Neandertalern bestattet wurden. Der nackte, das Fell abgezogene, Bärenkörper soll der Gestalt einer Frau ähneln. Auch das sich-auf-die-Hinterbeine-Aufrichten und das Benutzen der Vorderpranken ähnlich wie Hände weckt Assoziationen zum Menschen. In diesem Sommer im Stramba-Tal konnte ich eine Bärin dabei beobachten, wie sie ihre Jungen säugte: im Sitzen, die Beine weit von sich gestreckt, an der Brust. Es war ein intimer, fast heiliger Moment.

Der Bär galt in den zirkumpolaren Jägerkulturen unserer Vorfahren als heiliges Wesen. Einer der Gründe hierfür ist sicherlich der „Winterschlaf“ der Bären. Genau genommen eine Winterruhe, die der Bär in den Wintermonaten in einer unzugänglichen Höhle verbringt und in der sich sein Kreislauf auf ein Minimum herunterfährt. In dieser Zeit, etwa Ende Januar, bringt auch die Bärin ihre Jungen zur Welt – die bei der Geburt gerade einmal so groß wie ein Meerschweinchen sind. Im Frühjahr kommt der Bär dann aus seiner Höhle wieder an die Erdoberfläche und zurück ins Leben. Der Bär überlebt also den Winter, ohne auf Nahrung angewiesen zu sein! Diese Wiedergeburt des Bären hat die Menschheit seit jeher fasziniert. Mindestens ebenso faszinierend sind die Kräuterkenntnisse der Bären: man kann davon ausgehen, dass sich die Menschen in Punkto Heilkräuterkenntnisse viel von den Bären abgeschaut haben. Der Bär galt schon in der Antike als Mediziner unter den Tieren. Beispielsweise hat man beobachtet, dass der Bär nach seiner Fastenzeit im Frühjahr zuerst abführende Pflanzen, und dann stoffwechsel- und kreislaufanregende Kräuter zu sich nimmt. Die abführenden Pflanzen helfen ihm, den Kotpfropfen, der seinen Darm den Winter über verstopft, loszuwerden. Die anderen helfen ihm, seine Darmtätigkeit wieder in Schwung zu bringen. Und wieviele Pflanzen wurden nach dem Bären benannt: Bärlapp, Bärlauch, Bärenklau sind wohl die bekanntesten unter ihnen.

Im Hochsitz reifte in mir die Dankbarkeit gegenüber dem Bären. Und ich verstand, was mir meine Angst alles gelehrt hatte über den Bären. Seitdem gehe ich anders durch die Karpaten. Ich bin vorsichtig, und vor allen Dingen dankbar, dass sie dort noch einen Lebensraum haben. Es ist wichtig, sich für diesen einzusetzen – und dafür, dass es irgendwann auch bei uns wieder Platz für sie gibt.