Unterwegs auf Luchsfährte

Von Anne Wiebelitz

 

U-u-u-u-u-uü-uü-uü-ü-ü-ü-ü-ü-ü

Erst zart, dann immer deutlicher und klarer erklingt der Gesang, fast wie eine Flöte.

Weit trägt der Ruf dieses Vogels durch die helle Mittagssonne, während wir an einer schneefreien Stelle auf dem Waldboden sitzen und unser Brot genießen. Vor uns liegt ein tiefes, enges Tal, hinter uns eine große Wiese, dahinter, bergansteigend, Wald.
War das ein Haselhuhn? Es soll hier Haselhühner geben, gestern sah ich ihre frischen Spuren im Schnee. Sie lieben diese dichten Wälder mit viel Unterholz, und sind daher nur sehr schwer zu Gesicht bekommen. Am Abend suche ich nach dem Ruf des Haselshuhns im Internet – er ist sehr hoch, fiepsig, und klingt völlig anders als das, was ich gehört habe.
Ein Wanderfalke vielleicht? Tomas, der hier für den Nationalpark Muranska Planina arbeitet, hat uns erzählt, das in der Gegend Wanderfalken brüten.
Wir lauschen noch ein paar Minuten in die mittägliche Stille hinein, aber kein weiterer Ruf ertönt. Erst beim Aufbruch hören wir ihn wieder – diesmal um einiges weiter östlich! - und beschließen: so schnell und so lautlos kann kein Haselhuhn dorthin gelangt sein, ohne dass wir es bemerkt hätten.
Wir lüften das Rätsel erst am Abend...

Wir gehen weiter, folgen dem Bergrücken aufwärts und schauen aufmerksam in den Schnee. Wir sind auf der Suche nach Spuren – besonders schauen wir nach einer Tatze mit 4 Zehen, ohne Krallen, leicht asymmetrisch, wenn man sie genau betrachtet, ungefähr 8 bis 10 Zentimeter lang und breit. Hier in der Muranska Planina, einem Mittelgebirge in der Slowakei, von dessen höheren Lagen man ab und zu einen Blick in die weit bekannteren Gipfel der Niederen oder sogar Hohen Tatra werfen kann, gibt es Luchse. Im Gegensatz zu den Wäldern in Deutschland, durch die heute Luchse streifen (im Harz und Bayrischen Wald, und seit kurzem auch im Pfälzer Wald) ist der Luchs hier nie vom Menschen ausgerottet worden.

Gauthier Saillard Bewandert Lynx 2

Wir unterstützen eine Gruppe von Wildbiologen, und durchkämmen in dieser Februarwoche das Gebirge, in der Hoffnung auf frische Spuren zu stoßen, von Luchs oder Wolf. Dafür dürfen wir uns mit Schneeschuhen sogar tief in die Kernzone des Nationalparks hineinwagen, ansonsten natürlich hochverboten. Die große Hoffnung dabei: durch die Spuren auf einen Kadaver, einen frisches Riss eines Luchses zu stoßen, um dort eine Fotofalle anbringen zu können, was wiederum eine weitere Vorbereitung ist, um letztendlich einen Luchs zu fangen.  Ja, um einen Luchs zu fangen – denn so ist der Plan, der von namhaften Naturschutzorganisationen unterstützt wird: 10 wildlebende Luchse aus der Slowakei, 10 aus der Schweiz werden in den Pfälzer Wald gebracht. Die ersten leben schon seit 2016 im Pfälzer Wald (http://luchs-rlp.de). Die Wissenschaftler hoffen, dass sich diese Luchse miteinander paaren werden. Und hoffentlich, irgendwann, wird eine Luchspopulation über den Pfälzer Wald in die französischen Vogesen und das Jura, und schließlich über den Alpenraum zurück in die Slowakei einen ausreichend großen Lebensraum finden, um als Art in Mitteleuropa zu überleben. Die größte Bedrohung dieses Plans ist dabei übrigens der Mensch – Wilderei macht den europäischen Luchsen nicht nur in der Slowakei, sondern auch in Deutschland zu schaffen (vgl. http://www.sueddeutsche.de/bayern/bayerischer-wald-dem-luchs-wilderer-auf-der-spur-1.3299644).

 

"Was ist der Mensch ohne die wilden Tiere? Wenn die Wildtiere alle verschwunden sind, dann wird die Seele an Einsamkeit zugrunde gehen. Alles, was den Tieren widerfährt, widerfährt auch den Menschen."

(See-Yathl, der Häuptling der Squamish in einer Rede in Seattle von 1854)

In der felsreichen Muranska Planina stoßen wir jeden Tag auf Spuren von Luchsen oder von Wölfen, notieren uns die GPS-Daten, messen die Größe des einzelnen Trittsiegels und den Abstand zwischen den Trittsiegeln, um eine Ahnung zu bekommen, wie groß das Tier in etwa war, das hier entlang gegangen ist. Dann folgen wir den Spuren für einige Zeit, je nachdem, ob wir sie für frisch halten. So vieles zeigt sich in diesen Spuren: wenn aus einer Spur plötzlich mehrere Wölfe hinaus treten, oder der Luchs über am Boden liegende Baumstämme balanciert. Je länger ich der Spur folge, desto deutlicher sehe ich das Tier vor mir: in welcher Stimmung ist es hier entlanggelaufen? Wachsam und auf der Hut? Oder spielerisch und im Paarungsfieber, als eine zweite Fährte hinzukommt? Die Paarungszeit der Luchse beginnt offiziell im März, aber hat hier Mitte Februar vielleicht auch schon begonnen?

Nach einer Woche Spurenlesen wischen vor dem Einschlafen Bilder von Rothirschspuren, Wildschweinspuren, Rehspuren und immer wieder Bären-, Luchs- und Wolfsfährten vor meinem inneren Auge entlang.

Den Luchs fangen wir in dieser Woche dennoch nicht. Die Paarungszeit scheint schon begonnen zu haben und die Luchse scheinen weniger zu jagen und andere Sachen im Kopf zu haben. So stoßen wir auf keinen frischen Riss. An einen Morgen finden wir auf der Fährte einer Luchsin oder eines Luchses eine schon lange genutzte Markierungsstelle. Luchse markieren an aus der Landschaft hervortretenden besonderen Steinen, Holzstumpf o.ä.. Man erkennt am sehr strengen Geruch, ob der Luchs vor kurzem da war... und kurze Zeit später auf der Fährte liegt seine Losung, es ist vormittags und sie ist nicht gefroren, muss also nach der kalten Nacht vom selben Morgen sein! - aber dann kommt Neuschnee, es schneit in dichten Flocken und binnen einer halben Stunden liegen schon fast 2 Zentimeter... und die Spur des Luchses ist verschwunden.

Das Rätsel um den Vogelruf lüften wir schließlich, nach langer Recherche am Abend – es war ein Rauhfußkauz, der sich gerade mitten in der Balzzeit befindet. Alle Quellen sagen: er ist streng nachtaktiv! - aber zweifelsohne war es ein Raufußkauz, an dessen Lied wir zur Mittagszeit teilhaben konnten. Was uns auch lange irritiert: die meisten Aufnahmen seines Gesangs sind sehr kurz. Erst eine slowakische Wikipedia- Aufnahme, die wir finden, ist dann so lang wie unser Kauz, fast doppelt so lang wie die Gesänge auf deutschen Websiten vom Rauhfußkauz.

Nachttrag, April 2017:

Nur zwei Wochen nach der Monitoring-Woche wird ein männlicher Luchs von den Wildbiologen der NGO Diana in der Muranska Planina gefangen, dort, wo wir ihm zuvor gefolgt waren. Er ist schon von Fotofallen-Bildern bekannt und wurde "Cyril" genannt - und kurz nach Ostern im Pfälzer Wald freigelassen. Mehr Infos darüber hier.