dachs im bau
 

Sitzplatz mit Dachs

Von Anne Wiebelitz, Foto: © Futurilla / CC-BY 2.0

Was ist ein Sitzplatz? Ein Ort draußen, den du immer wieder besuchst und dich über längere Zeit still hinsetzt, über die Tages- und Jahreszeiten wahrnimmst, was dort an diesem Ort lebt und sich verändert. Ein Ort, der dir Fragen stellt und manchmal Antworten gibt.
Aber Sitzplätze lassen sich überall machen – auch im Getümmel einer Einkaufsstraße, oder an Orten, an die du vielleicht nie wieder zurückkehrst.. hier zwei Geschichten von meinen Sitzplätzen im April.

Den Wildwechsel, der neben meinem Waldpfad schräg nach links den Hang hochgeht, ist auffällig. Es ist zeitiger Frühling, ein paar Tage vor Ostern, die ersten Leberblümchen sind draußen und der Bärlauch steht zu Hunderttausenden in den feuchten Wäldern. Der Wechsel ist kaum bewachsen, ungefähr eine Fußlänge breit und hat sich die Metapher „ausgetretener Pfad“ wirklich verdient. Wie viele Jahre, Jahrzehnte?, Jahrhunderte? wird er wohl schon begangen? Kurz darauf finde ich weitere solcher Wechsel, ähnlich beschaffen, und denke an Dachse.
Ich lasse mich durch den Wald und übers Feld treiben und finde eine kleine Schlucht mit einigen Höhlen, die Richtung Südosten ausgerichtet sind. Die Höhlen sind alt, in ihren Eingängen liegt Laub, zwischen ihnen verlaufen weitere, gut ausgetretene Pfade. Ich folge der Schlucht, finde immer weitere Höhlen, es ist ein Netz an Löchern, das sich bestimmt gut einhundert Meter am Hang entlang zieht. Der Hügel sieht aus wie ein Schweizer Käse, und als ich an einer Stelle unachtsam ein Stück weit durch den Boden breche, schlägt mein Herz schneller und mir kommt das Bild von Alice im Wunderland in den Sinn, wie sie in ein tiefes Erdloch fiel und fiel und fiel und fiel... Ich gehe die enge Schlucht weiter nach hinten, passiere ein Dutzend weiterer Löcher, alle alt, aber dann: Die hintersten sind in Benutzung! Vor einigen Eingängen sind große Haufen aufgeworfen, durch die sich Wege ziehen, die wie eine Rutsche in den Boden eingekerbt sind. Eine Latrine, ein kleines Loch mit frischem Kot, lässt mich vollends sicher sein, das hier, ein paar Meter unter mir im Boden, gerade Dachse schlafen. Mein Herz schlägt höher in Angesicht dieses Dachsuniversums: wie viele Generationen von Dachsfamilien werden hier wohl schon gegraben und gelebt haben? Ihr Bau liegt unmittelbar neben einem alten Gutshof, in den im letzten Jahr eine große, mehrgenerationale Gemeinschaft eingezogen ist. Ich muss darüber grinsen, dass sie die neuen Nachbarn der Dachse sind, die hier schon immer nach dem Co-Housing-Prinzip leben...

In der Abenddämmerung setze ich mich oberhalb eines Eingangs in einen Baum. Nur wenige Minuten nach meiner Ankunft klettern zwei Dachse aus ihrem Bau und fangen an, miteinander zu raufen. Zwei weitere folgen wenig später, rascheln durch das Unterholz, und ein fünfter taucht aus einem Loch unterhalb einer Baumwurzel auf der gegenüberliegenden Hangseite auf und verschwindet in Richtung Feld. Ich kann mich an ihnen nicht sattsehen, bleibe still sitzen bis ihre Konturen in der Dunkelheit verschwimmen. Mit fokussiertem Blick kann ich sie nicht mehr beobachten und wechsele in den Weitwinkel: so sehe ich sie wieder, kann ihren Bewegungen eine Weile länger folgen und lausche noch lange ihrem nächtlichen Rascheln im Wald.

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In der Bahn, spätabends auf dem Weg nach Hause. Ein winziges Insekt schiebt seine Fühler über meine Buchseite. Bringt mich mit seiner Unerschrockenheit, mit dem es ins Unbekannte läuft, ins Hier und Jetzt, auf meinen Sitzplatz. Ich betrachte es, es kann nicht fliegen, hat es noch nie gekonnt. Ich lasse es auf meine Hand laufen, wo es anfangs zögerlich, schließlich sehr schnell geübt das Terrain erkundet, von Zeigefingerspitze in die Handinnenfläche läuft, über die Innenseite des kleinen Fingers sich über den Fingernagel tastet, zig mal in Richtung meines Ärmels läuft aber sich zig mal von meiner anderen Hand bereitwillig davon abhalten und diese wie eine neue Welt erkunden lässt. Dieses Tier, was ich wohl noch vor einigen Jahren gedankenlos erschlagen hätte, weil die Welt zu spüren ich mir abgewöhnt hatte, streichelt mich. Als würde jemand mit einer Feder über meine Handfläche streichen. Hoch und runter, von links nach rechts, wieder hoch, wieder runter, unermüdlich. Beim Aussteigen sehe ich in die Glaskugel der Überwachungskamera. An der Haltestelle eine Thujahecke. Warum pflanzen Menschen überall Thujas? Das Insekt will nicht auf die Thuja und läuft, panisch wie mir scheint, ins Innere meiner Handfläche. Ich laufe weiter, das Insekt auch, lege meinen Finger schließlich an die aufgerissene Rinde eines Gingko. So unerschrocken, wie man nur sein kann, wenn man nichts zu verlieren hat, krabbelt das Tier nach einem kurzen Innehalten auf den Baum. Ich sage tschüss und gehe nach Hause.

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