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Durch das Donaudelta zum Schwarzen Meer - mit Pacraft und Zelt

 

Anne Wiebelitz / Rumänien / Juni 2017

Das Donaudelta mit dem Kanu erkunden – ich stelle es mir paradiesisch vor. Rastgebiet von Millionen von Zugvögeln, die größte europäische Pelikankolonie, tausende von Kanäle in einem Labyrinth von Seen, das zu den artenreichsten Gebieten der Erde gehört, wilde Pferde, die in Sanddünen leben und in einigen Klecksen verstreut kleine abgelegene Dörfer, die man nur auf dem Wasserweg erreichen kann..
 
Anfang Juni steigen Gauthier und ich mit unserem PacRaft, einem faltbaren, 3 kg schweren Schlauchboot-Kanu, das Platz für 2 Personen und Gepäck bietet und das wiederum in unseren Rucksack passt, in den Nachtzug in Richtung Rumänien.
Einige Fragen umtreiben uns noch: wo kann man in diesem riesigen Sumpfgebiet zelten? Was ist das mit den schwimmenden Schilf-Inseln, die manchmal den Ausgang eines Kanals verstopfen, so dass man nicht mehr weiterkommt? Wie gehen wir mit den Millionen von Mücken um, die es hier geben muss? Es gibt wenig Literatur online zu Paddeltouren im Delta auf eigene Faust, keine Reiseführer, die meisten Leute sind hier mit Guide unterwegs und ein paar wenige, die mit dem Boot allein unterwegs waren, haben abenteuerliche Berichte im Internet hinterlassen.

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Das Delta empfängt uns gleich im ersten Kanal hinter Tulcea mit dem Massenschlüpfen der größten Eintagsfliege Europas, die im französischen einen Namen hat, der ihrem Wesen eher gerecht wird als der deutsche: Ephemere. Es bedeutet „flüchtig“, klingt aber nach Feen und feengleich fliegen hunderttausende von ihnen an einigen wenigen Tagen Anfang Juni am Abend über das Wasser, tanzen ihren Hochzeitstanz - und sterben.


In der ersten Nacht im Delta wache ich nachts von einem dröhnenden Brummen auf. Es dauert eine Weile, bis ich heraus finde was es ist.. Frösche! Es müssen Millionen sein. Das ganze Donaudelta quakt, hundert Kilometer weit. Ich habe noch hie so viele von ihnen gehört, obwohl es mich entfernt an vorbeifahrende Güterzüge erinnert. Man kann kein einzelnes Quaken mehr voneinander unterscheiden. Fast ist mir, als würde die Erde vibrieren von ihrem Brummen. Später gesellt sich noch eine Rohrdommel hinzu, die mich mit ihrem dumpfen, durchdringenden und kilometerweit klingenden „huup“ an ein Schiffshorn erinnert. Ich liege lange wach.

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Am zweiten Tag befällt mich Müdigkeit. Die große Mittagshitze, die endlosen Schilfflächen – das größte zusammenhängende Schilfgebiet überhaupt auf dieser Welt – ich könnte auch in der Wüste sein. Nur ist überall Wasser. Ich frage mich ,wie sich Menschen in dem beweglichen Labyrinth orientiert haben, als es noch kein GPS gab. Das Delta wurde im 17./18. Jahrhundert von religiösen und politischen Flüchtlingen aus Russland besiedelt. Wie diese sich durch den Sumpf navigiert haben, auf der Suche nach Land... Wir haben von schwimmenden Inseln aus Schilf gehört, die sich bei Wind lösen und Kanäle versperren. Ich sehne mich nach Bäumen. Aber alles wird anders, als wir am nächsten Tag mit der Sonne aufstehen, packen und losfahren und über den Mittag eine Siesta im Schatten halten. Denn immer dann, wenn ich denke, dass das Schilf nie wieder aufhört, kommen wieder Weiden in Sicht.

Überall sind Vögel! Morgens wache ich vom Kuckuck auf, der nicht nur "kuckuck" singen, sondern auch einige Töne auf einer Tonleiter fauchen kann, was an mir bislang vorbeigegangen ist. In den Kanälen werden wir vom Flöten des knallgelben Pirols begleitet, im Schilf hängen die Drosselrohrsänger auf halb 8 und knarren und zwitschern wie eine Singdrossel unermüdlich ihre Melodie. Plötzlich fliegt ein unheimlich schnell über die Wasseroberfläche gleitender, „psiiieh“ rufender Eisvogel an unserem Boot vorbei, am nächsten kahlen Baum trocknen Kormorane ihre Flügel in der Sonne, neben ihnen zwei türkisfarbene Blauracken, und am Himmel schaue ich gerade noch dem Baumfalken nach, als eine Kolonie Pelikane, vielleicht 200 Vögel, anmutig, wie aus einer anderen Welt, in der Thermik kreisen und kreisen und kreisen.

 

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In den Nächten spüre ich die Wildnis, in der wir uns befinden. Kein menschliches Geräusch, aber hinter unserem Zelt drücken sich schwere Wildschweine durchs Schilf, ein Waschbär verputzt unsere liegengelassene Banane am Fluss, und die Mücken – mindestens dreihundert allein vor unserem Zelt – sirren mich in den Schlaf. In einer Nacht schlafen wir auf einer Sanddüne, die das Meer hier vor mehr als 10.000 Jahren hinterlassen hat. Kurz vor dem Eintauchen in den Schlaf schallt ein lautes, fiepsiges Heulen eines ganzen Rudels zu uns hin.. Goldschakale. Mich befällt wie so oft in diesen Nächten im Delta ein gemischtes Gefühl von Unruhe, die meinen Schlaf leichter sein lässt, und tiefem Glück, das diese Tiere hier draußen unterwegs sind und ich als Tier unter Tieren in ihrer Nähe liege. Keine Menschen weit und breit, die nächste Siedlung liegt 30 Kilometer entfernt, nur über Wasserwege erreichbar, im Sumpf. Nur am Tag überholen uns Motorboote mit Touristen, die so schnell verschwinden wie sie gekommen sind, meistens freundlich für uns abbremsen und uns neugierige, ungläubige Blicke zuwerfen.

In der Abenddämmerung sind sie plötzlich da. Etwa 40 Tiere stehen auf der großen Wiese inmitten des Waldes von Letea, dem nördlichsten subtropischen Wald unserer Erde. Wir laufen gegen den Wind, bewegen uns ruhig und langsam vorwärts und kommen so auf etwa 40 Meter an die Herde heran, ohne das diese uns bemerkt. Das monotone „huup huup huup“ der Wiederhopfe, die in den jahrhundertealten, hohlen Stämmen der Stieleichen am Waldrand brüten, begleitet uns. Schließlich wird der erste Hengst auf uns aufmerksam. Wir setzen uns ins Gras, eine Gruppe junger Hengste kommt neugierig und angespannt auf uns zu. Lassen uns nicht aus den Augen, umrunden uns ein Stück, aber wir stellen offenbar keine allzu große Gefahr für sie dar. Menschen kennen die Pferde – obwohl sie hier seit knapp 30 Jahren wild leben. Als mit dem Ende des Kommunismus auch die LPGs schlossen, verließen viele Bauern das Donaudelta und ließen ihre Tiere zurück. Die Pferde fanden sich in Herden zusammen und überlebten. Im kargen Winter ziehen sie sich in den Wald von Letea zurück, der nördlichste subtropische Wald der Welt, in dem sogar Lianen wachsen und wo die Rinde der Bäume ihr Überleben sichert. Es sind ausdauernde, kräftige Tiere, vorsichtig und voller Kraft. Noch nie habe ich so wache Pferde gesehen. Vor 400 Jahren kamen die ersten Pferde mit den Tataren ins Donaudelta – Huzulen, wie sie heute auch noch in der Ukraine und der Slowakei gezüchtet werden. Diese Tiere hier sind ihre Nachfahren. Mitten in Europa leben Herden von wilden Pferden, die ohne menschliche Hilfe überleben! Doch ihre natürlichen Beutefeinde fehlen – einiges deutet darauf hin, dass es kaum noch Wölfe im Donaudelta gibt und so konnten sich die Pferde bis vor einigen Jahren ungestört vermehren, auf Kosten des Waldes, der seit 1938 Naturschutzgebiet ist. Dann beschlossen rumänische Behörden, die Pferde zu töten, um den Wald zu schützen. Der Streit zwischen Umwelt- und Tierschützern – die einen wollen den Wald, die anderen die Pferde retten – scheint einstweilen beigelegt, seitdem die Organisation VierPfoten die Behörden vom Plan abbringen konnte, die Tiere zu töten und seit 2013 Geburtenkontrollen durchführt.

Auf einmal zieht über die Herde ein Tross Pelikane hinweg und fliegt geradewegs in die Abendsonne. Unglaublich, diese Vögel, die hier im Delta fast so präsent sind wie in unseren Breiten die Krähen! Noch unglaublicher, dass diese schönen Riesen überhaupt fliegen können! Mit 3 Metern Flügelspanne wecken Sie in mir Bilder von Flugsauriern. Sie haben etwas gewaltiges, urzeitliches... noch um die zehntausend von ihnen soll es im Delta geben. Es ist das größte Rückzugsgebiet der Rosa- und Krauskopfpelikane in Europa.

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Wir wollen noch bis ans Meer. Haben uns treiben lassen durch kleine Kanäle und sind gegen den Wind über große Seen gepaddelt, ohne zu wissen, wo wir am Ende rauskommen werden, bis wir wissen: wir wollen noch dort ankommen, wo das ganze Wasser ins Meer fließt. Süß zu salzig wird. Eng zu weit. Grün zu blau.

Am nächsten Tag ein starker Wind aus nordwestlicher Richtung, der unsere Geschwindigkeit im PacRaft verdoppelt. Glücklicherweise fahren wir nach Süden. Die letzten Kilometer bis zum Meer. Bald ergießt sich das ganze Wasser, das uns tagelang durch das Delta getragen hat, in das riesige, bis zum Horizont reichende Meer. Alles! Hier wird mir klar, was da eigentlich wirklich vorgeht, in jeder Sekunde. Das ganze Ausmaß der Wasserbewegungen, die sich täglich auf dieser Erde vollziehen: es überschwemmt mich mit voller Heftigkeit, als ich am Ende unserer Reise am Ufer dieses riesigen Binnenmeeres stehe. Trotz all der Schwermetalle, dem ungefilterten Abwasser und Plastikmüll (4,2 Tonnen täglich), das hier von der Donau transportiert und durch die größten Schilfbestände der Erde gefiltert, ins Meer gelangt... das Donaudelta gehört immer noch (!) zu den artenreichsten Lebensräumen unseres Planeten neben dem Great Barrier Reef und den Galapagosinseln.

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Hier gibt es den Mikrowanderführer für die 110km lange Paddeltour durch das Donaudelta zum Schwarzen Meer, in dem wir alle wichtigen Infos für die Durchquerung des Deltas „per Arm“ und die GPS-Tracks zum orientieren zusammengestellt haben.