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Drei Tage im Vogelgebirge

Von Jörn Kaufhold

Wenn ich die letzten drei Tage in aller Kürze zusammen fassen sollte, dann würde ich sagen: Losgelaufen im Spätsommer, Angekommen im Frühherbst, dazwischen Altweibersommer. Was aus phänomenologischer Betrachtung natürlich Quatsch ist, denn schon wenige Höhenmeter hoch oder runter katapultiere mich jedes Mal in eine andere Jahreszeit.

So blühen unten die Herbstzeitlosen, weiter oben noch nicht. Die Herbstzeitlose, was für ein schöner Name, was! Das bedeutet, die, die mir ihrem Aufblühen die Herbstzeit wahr- oder voraussagt. Wie so viele Pflanzen, die geographisch weit verbreitet sind, trägt die Herbstzeitlose je nach Region unterschiedliche Namen. In Franken wird sie Hundshoden genannt, im Berner Oberland Kalber Schissen und die Leute in Nordböhmen, sahen in ihnen Nackte Jungfern. Welch Bandbreite an Assoziationen, ha.

Die Herbstzeitlose sagt, dass der Herbst da ist, die Sonne, die mich schwitzen und das Hemd ausziehen lässt, flötet Sommer und frühmorgens flüstern betaute Spinnenfäden Altweibersommer. Eins ist klar: der Sommer geht und der Herbst kommt. Und damit kommen auch all die Farben, die sich des Sommers im Grün versteckt haben. Als ob ein gigantischer Aquarellkasten langsam zerfließt. Jeden Morgen sehe ich neue Farben und den ganzen Tag staune ich über die neuesten Farbschattierungen.

Und die Vögel sind wieder sangesfreudiger und von denen, die noch da sind, treiben sich viele in Trupps herum. Mir ist es ein besonderes Vergnügen durch Dickungen zu wandern, die in der Sonne stehen. Sanft nähere ich mich ihnen und lausche dem Scharren und Rascheln auf dem Boden und den leisen Kontaktrufen (Ich bin hier, wo bist du). Egal wie leise ich auch bin, irgendwann steigt eine Drossel auf, zutiefst empört laut zeternd. Die Meisen flüchten wie Granatsplitter, der Buntspecht keift mit dem Kleiber um die Wette und die Spatzen sitzen geduckt im Unterholz, ein wenig verwirrt und unbeteiligt. Mit schlechten Gewissen, sie beim Mittag gestört zu haben, drücke ich mich an ihnen vorbei.

Drei Tage lang wandere ich von Felsen zu Felsen. Woher kommt dieses Glücksgefühl ganz oben auf so einem frei stehenden Felsen zu sitzen und auf ein grünes Meer aus Bäumen zu schauen? Unterm Arsch das Gestein eines millionenalten Vulkanausbruchs und über mir Kolkraben, die schwarze Linien in den Himmel ziehen. Keine Ahnung woher es kommt, dieses Glücksgefühl. Ich erinnere mich an einen Artikel, den ich gelesen habe, dass evolutionär gesehen Homo sapiens gern oben sitzt, um einen weiten Blick auf Feinde und Beutetiere zu haben. So ganz will mir das nicht einleuchten, während ich an meinem Käsebrot mümmele, aber letztendlich, so denke ich, ist es auch schietegal.

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Andere Sorgen drücken mich. Čajka, meine weiße Schäferhündin, die mich auf all meinen Wegen in den letzten zwölf Jahren begleitet hat, ist krank. Sehr krank. Und das schon seit einigen Wochen. Therapeuthisch haben wir ausgereizt, was wir machen können und jetzt wäre es Zeit, so meinen Viele, ihr bei der letzten Reise zu helfen. Ebenso meinen Viele, irgendwann wirst du es merken, dass es Zeit ist. Du wirst dir sicher sein. Drei Tage warte ich auf die Sicherheit. Grübele hin und her, zaudere, verliere mich in schönen Erinnerungen und traurigen Gedanken. Doch die Sicherheit kommt nicht. In solchen Momenten ist es gut sich zu verlaufen. Wo war die letzte Markierung? Laufe ich in die richtige Himmelsrichtung? Oh, bald geht die Sonne unter. Solche Dinge helfen, wieder da zu sein, wo ich gerade bin. Und weiter laufen. Dem Pfad folgen.

In der ersten Nacht schlafe ich bei meiner Familie in der Hütte, in der zweiten Nacht biwakiere ich am Felsen Horný Kostolík. Ich bin froh und erleichtert, dass ich ihn gefunden habe. Er liegt an keinem offiziellen Wanderweg. Auf der Landkarte haben mich vor allem die Schraffierung und die darunter eng aneinander liegenden Höhenlinien gelockt. Lange habe ich nach einem würdigen Schlafplatz gesucht, damit - so würde ich am liebsten sagen – auf der zweitägigen Kammwanderung sich das volle Bouquet entfalten kann. Das ist ein würdiger Schlafplatz, hier am Felsen Horný Kostolík. Zweifelsohne.

Schon beim Sonnenuntergang zieht kalter Wind auf. Ich spanne mein Tarp so tief, dass ich hinein robben muss. Am nächsten Morgen wache ich in Nebelfetzen auf, Blätter trudeln im Wind. Ein heißer Tee fehlt an diesem dritten Morgen. Ich laufe los, um warm zu werden. Zuerst über den Gipfel Vtáčnik und dann für lange Stunden auf dem roten Kammweg, der goldgelb beblättert ist. Ich laufe und laufe. Mein Kopf ist frei. An dem weißen Felsen halte ich – in gebührender Entferung von der Bruchkante – ein wunderbares Nickerchen während mir der Wind kalt um die Nase pfeift.

Vom letzten Felsen, dem Veľký Grič, steige ich ab nach Handlova, zurück in den Sommer, auch wenn die Herbstzeitlosen blühen, wir Oktober haben und die Tagundnachtgleiche längs vorüber ist. Es ist Sommer und die letzten drei Tage waren ein Ritt durch die Jahreszeiten.